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Carbon-Cowboys und Geld, das auf Bäumen wächstStichwörter: Klimaschutz REDD CO2 UN Politik

In Cancún gehen die Klimaverhandlungen in die entscheidende letzte Woche, Staats- und Regierungschefs sowie Minister aus aller Welt wollen dabei sein, wenn Ende der Woche mit einem neuen Abkommen die Rettung des Weltklimas gefeiert werden soll. Der Weg zu einem solchen Abkommen führt durch – besser gesagt über – den Wald. Waldschutz ist das zentrale Thema der Klimaverhandlungen in Cancún und war schon einer der Hauptgründe für das Scheitern der Verhandlungen in Kopenhagen vor einem Jahr.

Der Mechanismus, der den Wald zur Klimarettung instrumentalisieren soll, nennt sich REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation). Die Logik hinter REDD: Entwaldung trägt rund 18 Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß bei, also muss die Zerstörung der Wälder gestoppt werden. Allerdings fehlt dafür bislang der wirtschaftliche Anreiz, da Wald derzeit meist nur als Holzlieferant oder Ackerfläche Geld einbringt. Da Wald aber CO2 bindet, soll über den Handel mit Emissionszertifikaten Geld in die Waldländer fließen und sie so zum Erhalt ihrer Wälder angeregt werden (hier: www.redd-monitor.org).

Obwohl die genaue Ausgestaltung von REDD noch verhandelt wird, gibt es bereits REDD-Projekte, die von der Weltbank und UNO durchgeführt werden. In diese Projekte sind bereits mehrere Milliarden Dollar geflossen - der gewünschte Einfluss auf die Walderhaltung ist dabei nicht immer ersichtlich. Künftig - sobald REDD offiziell verabschiedet ist - wird dafür trotzdem noch mehr Geld zur Verfügung stehen. Die Wälder werden dann weitgehend auf ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher reduziert sein.

REDD scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Eigentlich ein guter Ansatz, endlich Mittel für die Walderhaltung zur Verfügung zu stellen. Aber muss das dann als 'Feigenblatt' herhalten, dass die Industriestaaten durch etwas, wofür sie früher ohnehin schon hätten Mittel aufbringen müssen, jetzt ihre aktuellen Treibhausgas-Sünden freikaufen können?

In den REDD-Verhandlungen in Cancún geht es nur noch um Details (die natürlich auch zum großen Knall führen können) und um verdammt viel Geld...

Grüne Wäsche für die Welt

von Christian Schwägerl und Gerald Traufetter

Der Schutz der Wälder wird zum zentralen Thema des Klimagipfels in Cancún. Mit Milliarden Dollar sollen jene Länder belohnt werden, die ihre Urwälder schonen. Experten jedoch fürchten Missbrauch: Die Förderung könnte den Raubbau anfachen, statt ihn einzudämmen.

Wer die Welt retten will, der sollte nicht im Paradies damit anfangen. So unkten Umweltaktivisten, als bekannt wurde, dass die Weltklimakonferenz an den tropischen Stränden von Cancún stattfindet.

Doch der erste Anschein trügt: Für ein Tribunal über den Umweltsünder Mensch ist der mexikanische Badeort gar nicht so schlecht gewählt. Das hat die örtliche Öko-Truppe "Cielo, Tierra y Mar" zur Eröffnung der Megakonferenz vergangene Woche klargestellt: In Sachen Klimaschutz "ist Cancún das beste Beispiel dafür, wie man es nicht machen soll".

Dies wird gleich hinter den glitzernden Hotelburgen, in denen die Klimaunterhändler tagen, offenbar: Über viele Kilometer erstreckten sich hier einst Mangrovenwälder entlang der Lagunenküste. Heute sind ganze 11.392 Hektar davon übriggeblieben, und jedes Jahr werden es gut 500 Hektar weniger.

Cancún sei ein Lehrstück dafür, wie wenig nachhaltig der Mensch den Planeten Erde bewirtschaftet, klagen die Öko-Streiter. Und deshalb sei es auch ein hervorragender Ort, um über die Zerstörung der Wälder zu reden. "Das wird das dominante Thema in Cancún", sagt Timm Tennigkeit, der für die Forstberatungsfirma Unique aus Freiburg vor Ort ist.

REDD ("Reducing Emissions from Deforestation and Degradation"), so lautet das Akronym für ein ehrgeiziges Schutzprogramm, das die noch verbliebenen Wälder des Planeten retten soll - und damit verhindern, dass jährlich 4,4 Gigatonnen Kohlendioxid zusätzlich der Erde einheizen. "Wenn sich die Welt schon nicht auf Einsparziele für Treibhausgase einigt, so könnten die Vereinten Nationen vielleicht beim Thema REDD unter Beweis stellen, dass sie überhaupt noch Gestaltungskraft besitzen", sagt Waldforscher Tennigkeit.

Das erste Geld zum Verteilen steht für den Schutz der Wälder schon bereit - und prompt hat dies die Fußtruppen der neuentstandenen Klimaschutzindustrie in Bewegung gesetzt, die mit Emissionsrechten handeln, Fonds verwalten und Ökoprojekte zertifizieren. Der oberste Umweltschützer der Vereinten Nationen, der Deutsche Achim Steiner, ist vorsichtig optimistisch: "REDD kann Teil der Lösung sowohl für den Klima- wie den Naturschutz sein."

"Schnelle Lösungen können gefährlich sein"

Andere jedoch warnen vor blindem Aktionismus: "Schnelle Lösungen, auch wenn sie mit noch so viel gutem Willen getroffen werden, können gefährlich sein", warnt der Klimaökonom Reimund Schwarze vom Climate Service Center in Hamburg. Das REDD-Programm werde Milliarden Dollar in die Entwicklungsländer pumpen. Dort aber könne es schnell das genaue Gegenteil dessen erreichen, was es bezweckt: nämlich den Raubbau anfachen, statt ihn einzudämmen.

Eigentlich ist die Idee hinter REDD so simpel wie einleuchtend: Die weltweite Zerstörung von Wäldern trägt zu gut ein Sechstel der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen bei. Würde stattdessen erhalten und aufgeforstet, ließen sich riesige Mengen Treibhausgas aus der Atmosphäre binden. Jeder gerettete Baum hilft so, die Erderwärmung zu bremsen.

Derzeit jedoch besteht wirtschaftlich wenig Anreiz, die Urwälder zu bewahren: Ein Regenwald in Brasilien, ein Küstenwald in Madagaskar oder auch Taigawald in Russland sind im lebenden Zustand nichts wert; erst in Holz oder Ackerland verwandelt, bringen sie Einnahmen.

Diese Logik soll REDD umkehren, der Schutz der Natur soll profitabel werden. Die Industrienationen zahlen dazu in Fonds ein, mit deren Geldern die Entwicklungsländer dafür bezahlt werden, dass sie den Urwald unberührt lassen.

Ablasshandel mit Waldflächen

Eine Milliarde Dollar will das ölreiche Norwegen für diesen Zweck spendieren. Später winken noch ganz andere Summen: Firmen sollen dann für den Schutz von Waldflächen zahlen und dafür Emissionsrechte gutgeschrieben bekommen. Dieser Ablasshandel soll auch für Länder möglich sein: Will ein Land seine CO2-Einsparungsziele erreichen, könnte es einfach REDD-Wälder im Ausland kaufen.

Studien im Auftrag des Uno-Sekretariats für biologische Vielfalt prophezeien "bisher ungekannte positive Wirkungen" - falls das Konzept richtig umgesetzt werde. Zahlreiche Länder, darunter Brasilien, Nepal und die Demokratische Republik Kongo, erproben bereits konkret, wie Waldschutz lukrativ werden kann.

Doch Umweltschützer sind tiefgespalten. Durch REDD könnte ein segensreiches System entstehen - aber genauso gut auch ein Monster, das mit riesigen Geldmengen nur Korruption, Misswirtschaft und Zerstörung schürt. "Alles hängt jetzt davon ab, ob in Cancún die richtigen Formulierungen gefunden werden", warnt Klimaökonom Schwarze.

Einer, der die Zerstörung des Regenwalds aus nächster Nähe beobachtet, ist Chris Lang: "Wir brauchen effektive Schutzmechanismen", sagt der Brite, der seit vielen Jahren im indonesischen Jakarta lebt. Lang hat eine Initiative namens REDD-Monitor gegründet, die das Waldschutzprogramm überwachen soll.

Denn schon bevor eine internationale Übereinkunft getroffen ist, haben sich bereits erste Strukturen gebildet - und die lassen nichts Gutes ahnen. "Von zentraler Bedeutung ist, wie der Wald eigentlich aussehen soll, der als schützenswert gefördert wird", sagt Ökologe Lang.

Konzessionen für heruntergekommene Urwaldflächen

Derzeit kursieren viele Definitionen bei den Vereinten Nationen. Gemäß einer von ihnen gilt Wald bereits als Kohlendioxidspeicher, wenn ein Zehntel der Waldfläche unter einem Kronendach liegt oder die Bäume das Potential besitzen, auf eine Höhe von mindestens zwei Metern heranzuwachsen. "So sieht eine Ansammlung von Baumstümpfen aus, oder eine Holzplantage", spottet Lang.

Genau solche Klassifizierungen können fatale Folgen haben: Holzfirmen, so Langs Befürchtung, könnten sich Konzessionen für heruntergekommene Urwaldflächen sichern, dort ihre Plantagen pflanzen und sich das auch noch mit Fördergeldern aus dem REDD-Programm finanzieren lassen.

Weltfremd ist diese Horrorvision keineswegs: In Laos plant der japanische Papierkonzern Oji eine Eukalyptus-Monokultur auf 80.000 Hektar. Kaum emporgeschossen, sollen die Pflanzen kleingehäckselt und in Papiermühlen verwertet werden. "Auf ihrer Web-Seite brüstet sich das Unternehmen damit, REDD-Gelder beantragen zu wollen", berichtet Lang. Ganz ähnlich gehe auch ein anderer Papiermulti, der indonesische Konzern Asia Pulp and Paper, auf seinen Flächen vor. Dabei sei der Nutzen für das Klima praktisch null: Der Kohlenstoff, den die Eukalyptushölzer binden, setzt das Papier bei der Entsorgung schon bald wieder frei.

Lang fürchtet, die Holzindustrie werde mit einem simplen Trick versuchen, an die Fördergelder heranzukommen. Sie mache sich dabei zunutze, dass Kleinbauern in Teilen der Wälder Wanderackerbau betreiben. Sie brennen dazu kleinere Areale im Urwald ab, bepflanzen diese und ziehen nach einigen Jahren weiter. "Das ist eine vergleichsweise schonende Nutzung des Waldes", erklärt Lang.

Die Konzerne jedoch könnten die so bewirtschafteten Wälder zu minderwertiger Fläche umdeklarieren, roden und sich dann die Wiederaufforstung mit Plantagenbäumen als Klimawohltat versilbern lassen.

Wie berechtigt Langs Sorgen sind, zeigt der Fall Indonesien: 41 Millionen Hektar hat das Forstministerium dort bereits als "Spezialflächen" zur Nutzung durch Konzerne ausgewiesen, bevor eine Waldinventur unter internationaler Kontrolle stattgefunden hat.

"Kohlenstoff-Leckage" bereitet den Ökologen Sorgen

Doch selbst wenn es gelingen sollte, den Missbrauch der REDD-Förderung zu verhindern, könnte ihre Wirkung verpuffen. "Kohlenstoff-Leckage" heißt das Phänomen, dass den Ökologen Sorgen bereitet. Wenn Wald an einer Stelle geschützt wird, könnten Holzfirmen oder Großgrundbesitzer einfach auf die Ländereien nebenan ausweichen. Auch dafür gibt es ein abschreckendes Beispiel.

Schon seit 14 Jahren betreibt die US-amerikanische Naturschutzorganisation The Nature Conservancy in Bolivien eine 832.000 Hektar große Schutzfläche, das Noel Kempff Climate Action Project. Das Geld dafür spendierten unter anderem die Erdölfirma BP und der größte Betreiber von Kohlekraftwerken in den USA, American Electric Power. Für die Konzerne ist dies gut investiertes Kapital, können sie so doch publikumswirksam ihr grünes Bewusstsein unter Beweis stellen.

Die Abholzung in Bolivien jedoch schreitet unverändert voran, nur dass die Kettensägen jetzt eben andernorts kreischen. Die durch den Vorzeigewald eingesparten Kohlendioxidemissionen mussten deshalb zweimal nach unten korrigiert werden: Anfangs ging man von sieben Millionen Tonnen aus, inzwischen nur noch von 840.000 Tonnen. Grünwaschen, so nennen Skeptiker das.

Die REDD-Planer hoffen, dass sich solche Leckagen stopfen lassen, wenn sich möglichst viele Länder an dem Projekt beteiligen. Doch der Druck auf die letzten unberührten Waldflächen nimmt zu, etwa durch den stetig wachsenden Hunger der Menschheit auf Fleisch - aber auch durch Maßnahmen, die eigentlich das Klima schützen sollen: Biokraftstoffe, etwa aus Zuckerrohr, Mais, Palmöl oder Jatropha.

Leichte Opfer im "REDD-Rush" könnten am Ende die Ureinwohner werden. Im vergangenen Jahr etwa wollten Mitarbeiter einer australischen Firma Eingeborenen in Papua-Neuguinea Zertifikate andrehen. Für deren Zusicherung, ihren Wald nicht anzutasten, wollten sie sich im Rahmen von REDD Verschmutzungsrechte erkaufen.

Australische Medien kreierten für diese windigen Geschäftemacher eigens einen neuen Namen: "Carbon-Cowboys".

Quelle: www.spiegel.de

Kommentare

# Klasse 7c am 13.12.2010, 08:55

wir finden es gut wie ihr für den Regenwald kämpft

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