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Schlimmer als befürchtet: Insektenschwund in Deutschland Stichwörter: Artenschutz Landwirtschaft Ökosystem


In Zukunft immer seltener: Mückenstiche.
Weniger Mücken? Herrlich. Ich hab sie gehasst diese Biester. Besonders wenn man nachts ein paar im Zimmer hatte und sie ihre heimtückischen Angriffe auf gerade einschlafende Hermänner flogen. Ja, flogen! Vorbei. Aus! Den Insekten gehe es schlecht, schreiben die Zeitungen. Richtig schlecht - und da werden doch auch die Mücken dabei sein.

Schadenfreude beiseite, die Lage ist sehr ernst: In ganz Deutschland geht die Zahl der Insekten zurück, unabhängig von Region und Insektenart. Von 1989 bis 2016 hat die Masse der Fluginsekten in 63 deutschen Naturschutzgebieten um drei Viertel abgenommen. Im Sommer - eigentlich die Blütezeit der Insekten - hat sich ihre Masse sogar um 82 Prozent reduziert.

Das haben deutsche, britische und niederländische Wissenschaftler in einer großangelegten Studie, deren Ergebnisse am Mittwoch veröffentlicht wurde (decline in insect biomass), jetzt wissenschaftlich abgesichert herausgefunden.

Erschreckend sei dieses Ergebnis, so die Forscher, auch deshalb, weil der Studie die Untersuchung von geschützten Gebieten zugrundeliegt. In Gebieten ohne besonderen Schutzstatus müsse der Insektenschwund demnach ein noch viel gravierenderes Ausmaß annehmen.

Was genau die Ursache dieses Artenschwunds ist, den The Guardian als "ökologisches Armageddon" (ecological armageddon dramatic plunge in insect numbers) bezeichnet, ist den Forschern selbst noch unklar. Der Klimawandel allein könne es nicht sein, denn der Temperaturanstieg im Untersuchungszeitraum hätte eher zu einem Zuwachs führen müssen. In Verdacht steht daher insbesondere die Landwirtschaft, denn Pestizide, Düngemittel und ganzjährige Bewirtschaftung der Felder setze den Insekten besonders zu.

Der Deutsche Bauernverband wies diese Vermutungen natürlich zurück und sieht zunächst einmal mehr Untersuchungsbedarf, bevor voreilig Schlüsse gezogen oder gar Handlungsempfehlungen ausgesprochen würden (Studie zu Artensterben).

Dramatischer Insektenschwund in Deutschland
18. Oktober 2017 von Tina Baier

Bislang war es nicht viel mehr als ein ungutes Gefühl, das allerdings immer mehr Menschen beschlich. Gab es früher nicht weitaus mehr Schmetterlinge, Fliegen, Hummeln, Käfer und auch Mücken? Sterben in Deutschland etwa nicht nur die Bienen, sondern ist alles noch viel schlimmer? Gibt es ein allgemeines Insektensterben?

Eine Studie, die niederländische, deutsche und britische Wissenschaftler jetzt in der Fachzeitschrift Plos one veröffentlicht haben, belegt nun erstmals, dass die Wahrnehmung, dass sich etwas verändert hat in der Welt der Insekten, richtig ist: In weiten Teilen Deutschlands hat die Zahl der fliegenden Insekten tatsächlich dramatisch abgenommen. Zu diesem Schluss kommen die Studienautoren, nachdem sie den Inhalt von Insektenfallen gründlich analysiert haben.

Die ehrenamtlichen Mitglieder des Entomologischen Vereins Krefeld hatten in den vergangenen 27 Jahren an insgesamt 63 verschiedenen Orten in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Rheinland-Pfalz Fallen aufgestellt. Darin verfingen sich über die Jahre Millionen Fliegen und Falter, Käfer, Wespen, Bienen und alle möglichen anderen fliegenden Insekten, die von den Forschern gewogen wurden. Das erschreckende Ergebnis: Seit 1989 ist die Masse der Insekten um durchschnittlich 76 Prozent zurückgegangen. "Mitten im Sommer, wenn viele Insekten ihren Höhepunkt erreichen, war sogar ein Rückgang von 82 Prozent in den untersuchten Gebieten zu verzeichnen", schreiben die Autoren.

"Wir warten schon lange auf diese Arbeit"

"Die Publikation liefert nun den Beleg dafür, dass wirklich ein größerflächiges Phänomen vorliegt", sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Drastischer ausgedrückt: Das Insektensterben ist jetzt nicht mehr nur ein vages ungutes Gefühl, sondern wissenschaftlich erwiesene Realität - zumindest für die Teile Deutschlands, in denen die Untersuchung gemacht wurde. "Wir warten schon lange auf diese Arbeit", sagt Wolfgang Wägele, Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn. "Es ist das erste Mal, dass ein Datensatz dieser Qualität erhoben worden ist." Dass die Insekten tatsächlich weniger werden, kann nämlich nur mithilfe von Langzeitbeobachtungen wie der jetzt vorliegenden Arbeit nachgewiesen werden, da starke Schwankungen von einem Jahr auf das andere bei Insekten ganz normal sind und noch keinen Trend belegen.

Noch erschreckender wird das Ergebnis der aktuellen Studie, wenn man weiß, dass die Proben, die den drastischen Rückgang belegen, allesamt aus Naturschutzgebieten stammen - aus Regionen also, von denen man annehmen würde, dass die Natur dort zumindest noch halbwegs intakt ist. "Wenn die Biomasse an Insekten bereits an geschützten Standorten so drastisch zurückgeht, ist klar, dass die Entwicklung in nicht geschützten Ökosystemen mindestens genauso gravierend ist - vermutlich sogar gravierender", sagt Johannes Steidle, Tierökologe an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

Was passieren könnte, wenn die Zahl der Insekten noch weiter zurückgeht, ist kaum absehbar. Klar ist, dass etwa 80 Prozent der wild wachsenden Pflanzen von Insekten bestäubt werden. Bleiben die Insekten weg, können sich auch die Pflanzen nicht mehr vermehren. Außerdem sind Insekten eine wichtige Nahrungsquelle für viele andere Tiere, zum Beispiel ernähren sich etwa 60 Prozent aller Vogelarten von ihnen. Vor diesem Hintergrund ließen die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung auch die andernorts beobachteten Rückgänge insektenfressender Vogel- und Säugetierarten in einem neuen Licht erscheinen, sagt Hans de Kroon, einer der Studienautoren von der Radboud-Universität im niederländischen Nijmegen.

Pestizide und Stickstoffverbindungen könnten den Insekten zusetzen

Was genau die Ursachen für das Insektensterben sind, können die Autoren allerdings nicht sagen. Sie haben aber versucht, mithilfe statistischer Methoden zumindest einige Faktoren auszuschließen. Demnach hat sich zwar die Landschaft und damit auch das Spektrum der Pflanzen in den meisten der untersuchten Gebiete im Laufe der vergangenen 30 Jahre verändert. Doch beides kann nach Auffassung der Wissenschaftler die dramatischen Rückgänge nicht erklären. Genauso wenig wie der Klimawandel. "Ein Anstieg der Temperaturen müsste ja im Gegenteil eher zu einer stärkeren Vermehrung der Insekten führen", sagt Wägele. Schließlich entwickeln sich die meisten Kerbtiere bei Wärme besser als bei Kälte. Das sei aber offensichtlich nicht der Fall. Settele sieht diesen Teil der Arbeit kritischer: "Die Autoren konnten nicht alle klimatisch relevanten Faktoren einschließen", sagt er. Daher könne das Klima als wichtiger Faktor nicht ausgeschlossen werden.

Doch was setzt den Insekten dann derart zu? Die Tatsache, dass der Schwund nicht lokal begrenzt ist und dass außerdem nicht nur bestimmte Arten leiden, sondern alle, deutet nach Ansicht der Autoren auf Verursacher hin, die großflächig in die Natur eingreifen. Infrage kommen ihrer Ansicht nach die allgegenwärtigen Stickstoffverbindungen, die teils aus Düngemitteln stammen, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Weniger bekannt ist, dass auch durch Abgase aus Autos und Fabriken Unmengen von Stickstoffverbindungen in die Umwelt gelangen. Gegen diese Substanzen helfen auch keine Naturschutzgebiete, da sie mit Luftströmungen nahezu überallhin gelangen und als saurer Regen in die Böden eindringen. Dort verändern sie zunächst die Vegetation: Pflanzen, die auf stickstoffarmen Böden gedeihen, werden von Allerweltsarten wie Brennnessel und Löwenzahn verdrängt, und mit ihnen auch die Insekten, die auf diese Pflanzen zum Überleben angewiesen sind.

Mindestens genauso verdächtig sind Pestizide im Allgemeinen und speziell die so genannten Neonicotinoide. "Diese Substanzen sind hochgiftig", sagt Wägele. "Wenn beispielsweise eine Schnecke ein solches Pestizid frisst und anschließend von einem Käfer gefressen wird, stirbt der Käfer." Hinzu kommt, dass Neonicotinoide nicht spezifisch bestimmte Schädlinge töten, sondern auch viele andere Insekten-Arten. Sie greifen nämlich das Nervensystem der Tiere an, eine zentrale Stelle also, die für alle Insekten gleichermaßen überlebenswichtig ist. Doch auch wenn der Verdacht naheliegt: Dass diese Substanzen wirklich der Grund für das Sterben der Insekten sind, konnten auch die Autoren der aktuellen Studie nicht beweisen. Und das ist vielleicht die erschreckendste Erkenntnis: Solange man nicht weiß, was die Ursache ist, kann man auch nur wenig tun, um den Schwund der Insekten zu stoppen.
Quelle: www.sueddeutsche.de

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