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Focus Nicaragua: Ortega/Murillo "Verschwindet!" Stichwörter: Politik Entwicklung Menschenrechte


Offener Brief an Rosario Murillo
Der Ruf des Volkes laute "Verschwindet!" ... schrieb Mitte Juni die nicaraguanische Schriftstellerin Gioconda Belli in einem Offenen Brief an ihre Präsidenten-Gattin und Komplizin, hochbeschäftigt im Kampf um ihre Machterhaltung. Damals verantworteten Daniel Ortega und Rosario Murillo schon die Ermordung von rund 160 Menschen, die binnen weniger Wochen Opfer ihrer 'gewaltfreien' Protesten geworden, oder wie geschrieben wird, gezielt liquidiert worden sind.

Mittlerweile, nur drei Wochen später, ist die Zahl der Opfer auf über 350 gestiegen. Rosario Murillo und Daniel Ortega haben immer noch nicht verstanden oder gehört, was Volkes Stimme mit all den Protesten eigentlich unüberseh- und unüberhörbar artikuliert: "Verschwindet!"

Giocondas Brief dokumentiert Blicke aus dem Innern einer Gesellschaft, bei der wahrscheinlich keiner mehr weiß, wie oder warum aus einem ehemals gemeinsamen Weg ein Kampf auf Leben und Tod geworden ist.

Wir haben den Brief inzwischen übersetzt (in der stillen Hoffnung, Ortega/Murillo verstehen es auf Deutsch vielleicht besser).

Zum Weiterlesen:

confidencial

La Prensa



Offener Brief von Gioconda Belli an Rosario Murillo
vom 17.06.2018

Rosario,

Es ist offensichtlich, dass Deine Art zu kommunizieren, seit Du an die Macht gekommen bist, sich nach dem Prinzip richtet, “eine Lüge, die oft genug wiederholt wird, wird zur Wahrheit”. Elf Jahre lang hast Du Wind in diesem Land gesät, hast diejenigen, die nicht auf Deiner Seite waren, zu Bösewichten erklärt und eine Heimat proklamiert, welche einzig und allein in Deiner Phantasie existierte. Aber Du hast Wind gesät und jetzt erntest Du den Sturm. Zu lügen hat sich als Fehlgriff erwiesen. Jetzt verfolgen Dich all diese Lügen wie kleine schwarze Ameisen.

Und trotzdem hat das Spektakel der verfälschten Wahrheit noch kein Ende. Wie furchtbar waren diese Tage: Tote um Tote, Polizisten, die Horden von paramilitärischen Einheiten kommandieren, verschwundene, geschlagene Jugendliche. Die Gewalt fand gestern ihren Höhepunkt in einem grauenvollen und entsetzlichem Feuer, dem eine ganze Familie mit kleinen Kindern zum Opfer fiel, verbrannt von aufgehetzten Menschen, die sie für schuldig hielten.

Ich weiß nicht, was wir von Dir hätten erwarten können, von Dir, die Du kein Mitleid mit Deiner Tochter gezeigt hast, Deinem eigen Fleisch und Blut. Aber über den Schmerz der mehr als 170 Toten hinweg hast Du es gewagt, am Tisch des nationalen Dialogs, im Beisein des leidenden Volks und der Bischöfe, eine zynische und betrügerische Erklärung von Kanzler Moncada und anderen Mitgliedern Deiner Regierung verlesen zu lassen. Der gut einstudierte Text, den sie aufsagten, wurde von Dir abgesegnet, um Euch von jeglicher Schuld reinzuwaschen und die Angegriffenen als Angreifer darzustellen. Eine verkehrte Welt!

In eben diesem Dialog verlas Kanzler Moncada ohne jegliche Scham eine Stellungnahme der staatlichen Feuerwehr über das verheerende Feuer. Aber wir sind ein kleines Land und alle wissen es: die freiwillige Feuerwehr stellte klar, dass sie und nicht jene, die die Stellungnahme verlasen, auf den Ruf der Bevölkerung hin zu Hilfe eilten. Es waren sie und die Nachbarn - wie wir auf dem Video sahen -, die versuchten, die Flammen zu löschen. Die helfende Bevölkerung aber wurde von den falschen Feuerwehrmännern beschuldigt, ihre Arbeit behindert zu haben.

Ein anderer Deiner Handlanger, Edwin Castro, verließ die Sitzung am Freitag, Journalisten ausweichend, mit der Entschuldigung, dass in Leon die Renta brenne. Es stellte sich heraus, dass diejenigen, welche das Gebäude in Brand hätten setzen sollen - Paramilitärs - erst nach dieser Ankündigung am Ort auftauchten und die aufständische Bevölkerung das Anzünden verhindern konnte. Dieser betrügerische Plan war schlecht abgestimmt. Und wir alle sind Zeugen. Genauso wie wir gesehen haben, wie mit Lastwagen die Räumlichkeiten des Staates geleert wurden, um eben jene Gebäude bald darauf von Schergen anzünden zu lassen, um die protestierenden Jugendlichen dafür verantwortlich zu machen.

Ich möchte Dir raten, Rosario, Deine Festung in El Carmen zu verlassen, um mit den Menschen zu sprechen, die Du zu repräsentieren behauptest.

Komm in Deinem Mercedes Benz-Jeep zu den Straßenblockaden in Masaya, wenn Du erfahren möchtest, was sie von Dir und Deinem Mann halten. Hab keine Angst. Die Menschen dort sind keine Mörder, dein Volk besteht nicht aus Mördern. Die Mörder sind bewaffnet und befolgen die Befehle Deines Komplizen, des Kommandanten. Wir haben sie durch die Stadtviertel ziehen sehen in Hilux Pick-Ups, hinter Polizei-Einheiten, bis an die Zähne bewaffnet und mit der Lizenz zum Töten, die Ihr ihnen ausgehändigt habt. Achtzehn Pick-Ups, voll beladen mit diesen Paramilitärs, eskortiert von der Polizei, fuhren durch den Stadtteil Santa Rosa. Sie wurden in diesem Viertel gefilmt, so wie auch in den anderen, in denen sie gemordet und terrorisiert haben. Nichts davon ist geheim, genauso wenig wie geheim ist, wo die finsteren Gestalten sitzen, die mit skrupelloser Gewalt dieses Land beherrschen wollten.

Elf Jahre lang hast Du geradezu besessen schleimige Reden von Deiner Liebe zu Nicaragua und von der Liebe zum Volk gehalten. Du hast in dieser Zeit unser Regierungssystem nach Belieben zerlegt und wieder zusammengebaut, Du hast unsere Freiheit und Demokratie missachtet. Aber die Wahrheit findet immer Wege, um ans Licht zu kommen. Die letzte Umfrage von Cid Gallup stellte fest, dass 70 Prozent der Bevölkerung Euren Rücktritt wollen. Schau, wie schnell sich die wahren Gefühle der Nicaraguaner zeigen, wenn sie die Angst verlieren und die Wahrheit aus ihren Herzen spricht.

Rosario, hast Du Dich am 14. Juli getraut, einen Fernsehsender einzuschalten, der nicht zu denen gehört, die Deine Ansprachen wiederholen? Hast Du die landesweite Antwort auf den Aufruf zum Generalstreik gesehen? Hast Du nicht die verlassenen Geschäfte gesehen, die verwaisten Straßen in den Städten und Dörfern des Landes? An jenem Tag schrien die Leute stillschweigend, wie müde sie der Unwahrheiten waren, bis hin zu dieser seltsamen Religiosität, die Du uns an den Tag zu legen befiehlst, während Deine Leute mutige Bischöfe, die das Volk verteidigen, mit dem Tode bedrohen. Was denkst Du, was so viele Mitbürger dazu motivierte, die Eisenbäume in Managua umzuwerfen, welche Du uns als verschwenderischen und dekadenten Schmuck aufgezwungen hattest? Unzufriedene Menschenmassen, welche die psychedelischen Symbole eines Landes einreißen, das Du versucht hast so zu gestalten, als würde es Dir gehören.

Ich darf Dich daran erinnern, wie Deine Jungs der Juventud Sandinista die Studenten verprügelten, wie wir es in allen Farben und live dank der Handykameras gesehen haben - das war es, was diese Rebellion entfesselte. Bekleidet mit “Frieden und Liebe”-T-Shirts mit Deiner Unterschrift und der von Daniel traten und schlugen sie auf wehrlose Personen ein. Wenn Du diese Videos sehen würdest oder jene von den toten Studenten, die in den Tagen danach durch Schüsse in den Kopf umkamen, vielleicht hättest Du etwas mehr Schamgefühl bezüglich dieser farbenfrohen Kampagne, der keiner mehr glaubt: #Nicaragua will den Frieden, #Liebe für Nicaragua. Nicaragua will durchaus Frieden, aber nicht den, den Du predigst und der 170 Leben gekostet hat, mehr als zwei tausend Verletzte und dutzende Verschwundene in nur zwei Monaten.

Wie schamlos waren Deine Delegierten, als sie zum Dialog auftauchten und die geringen Verluste auf Eurer Seite beweinten! Eure Opfer sind auch zu beweinen, kein Zweifel, aber was haben sie erwartet? Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen! Das sind die furchtbaren Folgen der schwarzen Wolke aus Gewalt, die Ihr angefacht habt und die sich nun über unserem Land entlädt. Wie kannst Du, Rosario, die Gesundheitsministerin Sonia Castro schicken, um zu behaupten, dass niemandem die Einlieferung ins Krankenhaus verwehrt wurde, dass niemandem Hilfe verweigert wurde, wobei es doch Beweise und sogar Tote gibt, die davon zeugen, wie die medizinische Versorgung den Studenten verweigert wurde?

Wieso sprichst Du nicht mit der Mutter von Alvaro Conrado, der mit 15 starb, weil ihm der Eintritt in das Krankenhaus Cruz Azul verwehrt wurde? Sie würde Dir die Wahrheit sagen, wie die anderen Mütter, wenn Du Dich trauen würdest, sie anzuhören. Ich habe gesehen, wie die Ministerin Castro Medizinstudenten den Eintritt ins Krankenhaus von Leon verweigerte als Repressalie für ihre Teilnahme an den Protesten. Die Ausweisungen aus dem Krankenhaus sind auf Video für die Bevölkerung festgehalten. Es sind keine Hirngespinste der Opfer.

Du bist die einzige, die unbeirrt Phantasievorstellungen propagiert, die in nichts der Realität entsprechen. In den Fernsehsendern und Medien im Besitz Deiner Familie wurde seit dem ersten Tag von schmutzigsten Propagandamitteln Gebrauch gemacht, um die unzufriedene Bevölkerung als "rechte Verbrecherbanden" zu diffamieren. Es ist ein alt bekanntes Schema: Verwandle die, die protestieren, in Feinde, um sie zu töten und um anderen das mitleidlose Morden zu erleichtern. Diese Technik, einen vermeintlichen Feind zu entmenschlichen, wurde in Nazi-Deutschland gegen die Juden sehr effektiv genutzt. So wurden hier Nicaraguaner gegen Nicaraguaner aufgebracht, durch erfundene Staatsstreiche, Komplotte und andere ähnliche Gründe, die fadenscheinig sind.

Die Sonne der Freiheit treibt die bürgerliche und unbewaffnete Revolution an. Hast Du nicht gemerkt, dass sie das ganze Land erfasst hat? Das Volk selbst hat dazu aufgerufen, einzig und allein unter der Leitung seiner kommunalen Anführer. Der Ruf des Volkes lautet "Verschwindet!"

Ich habe nicht viel Hoffnung, dass die Grausamkeit und Wut nachlassen werden, die sich wie ein Wolf im Schafspelz verbergen. Es ist ein Jammer, dass Du Dich dafür entschieden hast, Deinen Intellekt und Deine Fähigkeiten zu nutzen, um uns bis an diesen schrecklichen Punkt zu bringen. Mit Deiner Handschrift, mit der Du ganz Nicaragua geprägt hast, hast Du die schwärzeste Seite in der Geschichte der FSLN geschrieben, hast ihren Aufstieg beschmutzt, hast alle Helden und Märtyrer noch einmal getötet, die dafür gekämpft haben, dass es in Nicaragua nie wieder eine Diktatur gibt.

Auf den Feldern und in den Bergen, in den Städten und Dörfern beobachten Dich Millionen von Augen, manche mit Ungläubigkeit, andere mit Entsetzen, aber keine mit Furcht. Was wir sehen, werden wir niemals vergessen. Wir werden nie vergessen, dass am Muttertag, während des größten Protestmarsches, den die Stadt jemals gesehen hat, und während der Märsche in anderen Bezirken 18 unschuldige Personen starben. Glaubst Du etwa, Du könntest uns davon überzeugen, dass die Demonstranten sich gegenseitig erschossen haben?

Das ist nicht der erste Brief, den ich Dir schreibe, Rosario. Mehr als einmal war ich Zeugin Deiner Manie, die Dinge zu verfälschen und die Realität zu verbiegen. Ich gestehe, dass ich nicht gedacht habe, dass die Macht Deine Poesie so zerstören würde, dass die Frau, der ich einst Zuflucht gewährte, nicht nur ihre Gegenwart, sondern auch ihre Zukunft zunichte machen würde.

Weder Du, noch Daniel werden in die Geschichte in jenen wunderbaren farbenprächtigen Bildern eingehen, wie Du es Dir vorgestellt hast. Weder die Geschichte, noch das Volk werden Euch jemals freisprechen.

Übersetzung: Pro REGENWALD, Antonia, Jonas, Elizabeth


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